Heute schauen wir über die Landesgrenzen hinaus. An sonnigen Frühlingstagen mit viel Solarstrom und wenig Verbrauch passiert an den europäischen Strombörsen etwas Ungewöhnliches: Der Strompreis fällt ins Negative. Produzenten müssen dann dafür bezahlen, dass ihr Strom überhaupt abgenommen wird. Im Mai 2026 wurde dieses Phänomen besonders deutlich: Am 1. Mai wurde im europäischen Intraday-Markt ein Rekordwert von minus 855 EUR/MWh registriert. Auch der Schweizer Spotmarkt verzeichnete in diesem Zeitraum negative Preise. Für 2026 werden europaweit 700 bis 900 Stunden mit negativen Börsenstrompreisen erwartet.
Was steckt hinter diesem Phänomen, und was können wir in der Schweiz daraus lernen?
Warum Strom zeitweise nichts wert ist
Negative Strompreise entstehen, wenn das Angebot die Nachfrage so stark übersteigt, dass Produzenten dafür zahlen müssen, ihren Strom loszuwerden. Mehrere Faktoren kommen dabei zusammen: An sonnigen Frühlingstagen und Feiertagen speisen Photovoltaikanlagen massiv ein, während der Industrieverbrauch tief ist. Gleichzeitig können Kernkraftwerke und andere Grundlastkraftwerke nicht kurzfristig heruntergefahren werden. Und die Speicherkapazitäten sowie die Netzkapazitäten für den Export in andere Regionen reichen nicht aus, um den Überschuss aufzunehmen.
Das Ergebnis: Strom, der produziert wird, muss irgendwo hin. Ist kein Abnehmer da, werden die Preise negativ.
Die Duck Curve wird ausgeprägter
Dahinter steckt ein strukturelles Muster, das in der Energiewirtschaft als «Duck Curve» bekannt ist. Die Kurve entsteht, wenn man den verbleibenden Strombedarf nach Abzug der Solarproduktion über den Tag darstellt. Mittags, wenn die Sonne am höchsten steht, bricht die Kurve stark ein, manchmal bis ins Negative. Abends, wenn die Sonne untergeht und der Verbrauch durch Haushalte steigt, schnellt die Kurve steil nach oben. Der Ausgleich zwischen diesen beiden Extremen ist eine der zentralen Herausforderungen der Energiewende.
Mit dem anhaltenden Ausbau der Photovoltaik in der Schweiz und den Nachbarländern wird diese Kurve ausgeprägter. Das ist kein Problem an sich, sondern ein Signal: Das System braucht mehr Flexibilität, mehr Speicher und mehr steuerbare Nachfrage.
Terminpreise steigen trotzdem
Paradox, aber erklärbar: Während die Spotpreise zeitweise ins Negative fallen, steigen die Terminpreise für Strom. Energieversorger müssen sich gegen die zunehmende Volatilität absichern, was Risikoaufschläge in den Terminkontrakten erzeugt. Dazu kommen steigende Kosten für den Netzausbau, für Backup-Kapazitäten und für die Integration erneuerbarer Energien. Diese Kosten schlagen sich in den Terminpreisen nieder und letztlich in den Endkundentarifen.
Was das für die Schweiz bedeutet
Europa zeigt, wohin die Reise geht. Auch die Schweiz ist Teil dieses Marktes und spürt die gleichen Kräfte. Für die Schweiz bestätigt die ElCom: Die Grundversorgungspreise für Haushalte sinken 2026 im Median um rund 4 Prozent auf 27.7 Rappen pro Kilowattstunde. Das ist eine Entspannung, aber kein Strukturwandel.
Was das für PV-Besitzer bedeutet
Für Hausbesitzer mit Photovoltaikanlagen gibt es zwei Entwicklungen, die im Blick behalten werden sollten.
Erstens: Die Einspeisevergütungen stehen unter Druck. Wenn Strom zu Spitzenzeiten massenhaft produziert wird und die Börsenpreise dabei negativ sind, sinkt mittelfristig der Marktwert des eingespeisten Solarstroms. Eigenverbrauch wird damit laufend attraktiver gegenüber der Einspeisung.
Zweitens: Batteriespeicher gewinnen an Bedeutung. Wer Mittagsstrom speichern und abends selbst nutzen kann, profitiert doppelt: Er vermeidet die Einspeisung zu niedrigen Preisen und spart beim teuren Strombezug am Abend.
Wichtiger Hinweis zur Schweizer Marktsituation: Anders als in Deutschland, wo dynamische Tarife wie Tibber oder aWATTar bereits weit verbreitet sind, ist der Zugang zu stündlich schwankenden Börsenstrompreisen für Schweizer Haushalte noch sehr begrenzt. Wer einen Standardtarif beim lokalen Versorger hat, spürt negative Spotpreise nicht direkt auf seiner Rechnung. Dynamische Tarifmodelle werden in der Schweiz erst schrittweise eingeführt. Wer davon profitieren möchte, sollte bei seinem Versorger nachfragen, ob entsprechende Modelle bereits verfügbar sind.
Was Europa zeigt, und was die Schweiz daraus macht
Der europäische Markt gibt das Tempo vor. Negative Strompreise sind kein Versagen der Energiewende, sondern ein Hinweis darauf, was noch fehlt. Drei Bausteine sind entscheidend: Mehr Flexibilität auf der Verbrauchsseite, also Wärmepumpen, Ladestationen und industrielle Prozesse, die bei Überangebot aktiviert werden können. Mehr Speicherkapazität, sowohl dezentrale Heimspeicher als auch grosse Batteriespeicher und Pumpspeicherkraftwerke. Und ein besseres Marktdesign, das Flexibilität belohnt und Produzenten wie Verbrauchern die richtigen Anreize setzt.
Deutschland und andere europäische Länder sind bei dynamischen Tarifen und flexiblem Verbrauch bereits weiter. Die Schweiz hat mit dem neuen Stromgesetz erste Grundlagen geschaffen. Der Blick nach Europa zeigt: Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt.
Hinweis: Der Rekordwert vom 1. Mai 2026 bezieht sich auf den europäischen Intraday-Markt (IDA1). Aktuelle Schweizer Spotpreisdaten sind über das Energie-Dashboard des Bundesamts für Energie unter energiedashboard.admin.ch abrufbar.