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#28 [Journal] Published: 12.05.2026
Cover-Bild: AKW-Neubauverbot: Was die Warnung der Finanzkommission bedeutet

AKW-Neubauverbot: Was die Warnung der Finanzkommission bedeutet

Die Finanzkommission des Nationalrats warnt eindeutig vor den finanziellen Risiken eines AKW-Neubaus.

Die Schweizer Energiepolitik steht vor einer wegweisenden Entscheidung. Der Ständerat hat das AKW-Neubauverbot bereits aus dem Gesetz gestrichen. Die zuständige Energiekommission des Nationalrats (UREK-N) ist mit 13 zu 12 Stimmen gefolgt. Als nächstes entscheidet das Plenum des Nationalrats. Das letzte Wort dürften jedoch die Stimmberechtigten haben: Die Grünen haben das Referendum angekündigt, die Volksinitiative untersteht ohnehin dem obligatorischen Referendum.

Mitten in dieser Debatte hat die Finanzkommission des Nationalrats eine deutliche Warnung formuliert, die von der UREK-N nicht angemessen berücksichtigt wurde.

Was die Finanzkommission sagt

Die Finanzkommission des Nationalrats hält in ihrem Mitbericht fest, dass die möglichen finanziellen Risiken einer Aufhebung des Neubauverbots für Atomkraftwerke nicht vergessen werden dürften. Sie fordert, dass vor einem Entscheid konkrete Finanzierungsmodalitäten geklärt werden. Ihr Urteil ist deutlich: Nirgendwo seien die Projektrisiken und damit die Finanzierungsrisiken so gross wie bei Kernkraftwerken.

Die UREK-N lehnte den Antrag, vom Bundesrat mit einer Rückweisung Klarheit über die finanziellen Folgen allfälliger neuer AKW zu fordern, mit 12 gegen 13 Stimmen ab. Ebenfalls abgelehnt wurde jegliche staatliche Förderung für neue Kernkraftwerke: Eine Rahmenbewilligung soll demnach nur erteilt werden, wenn Bau und Betrieb finanziell gesichert sind.

Internationale Kostenvergleiche

Die Warnung der Finanzkommission ist nicht ohne Grundlage. Europäische AKW-Projekte der letzten Jahre belegen ein strukturelles Kostenproblem. Das britische Hinkley Point C sollte ursprünglich 18 Milliarden Pfund kosten. Stand Februar 2026 werden die Gesamtkosten auf 35 Milliarden Pfund in Preisen von 2015 geschätzt, inflationsbereinigt entspricht das rund 48 bis 49 Milliarden Pfund. Die Inbetriebnahme von Unit 1 wurde auf 2030 verschoben. Das finnische Olkiluoto 3 kam statt der geplanten 3 Milliarden Euro auf rund 11 Milliarden zu stehen. Der französische EPR-Reaktor in Flamanville, dessen Inbetriebnahme ursprünglich für 2012 geplant war, wurde nach 17 Jahren Bauzeit im Dezember 2024 ans Netz angeschlossen. EDF nennt Gesamtkosten von 13,2 Milliarden Euro, der französische Rechnungshof schätzt die tatsächlichen Gesamtkosten inklusive Finanzierungskosten auf 23,7 Milliarden Euro. Ursprünglich waren 3,3 Milliarden Euro veranschlagt worden.

Expertenschätzungen für ein neues AKW in der Schweiz bewegen sich zwischen 15 und 25 Milliarden Franken. Hinzu kommt eine Bauzeit von durchschnittlich 15 bis 20 Jahren. Die politische Debatte geht davon aus, dass neue AKW frühestens ab 2050 zur sicheren Versorgung beitragen könnten.

Das Argument für erneuerbare Energien

Befürworter erneuerbarer Energien halten dem entgegen, dass Photovoltaik in den letzten zehn Jahren massiv günstiger geworden ist und heute zu den kostengünstigsten Stromquellen weltweit zählt. Windenergie kostet heute deutlich weniger als noch vor zehn Jahren. Beide Technologien lassen sich in einem Bruchteil der Zeit eines AKW-Neubaus realisieren und könnten im gleichen Zeitraum erhebliche Kapazitäten aufbauen.

Die Schweiz verfügt zudem über ausgezeichnete natürliche Voraussetzungen: Wasserkraft als bestehendes Rückgrat, Solarenergie mit einem der höchsten Einstrahlungspotenziale Europas in den Alpen sowie wachsendes Potenzial für Windkraft im Jura und auf exponierten Höhenlagen. Pumpspeicherkraftwerke können als saisonale Speicher dienen und lassen sich ausbauen.

Das Argument für Technologieoffenheit

Die Mehrheit der UREK-N begründet ihren Entscheid mit dem Prinzip der Technologieoffenheit: Die Schweiz sei auf eine zuverlässige, CO2-arme und kostenbewusste Energieversorgung angewiesen und müsse alle Optionen offenhalten. Sollten die Ausbauziele bei erneuerbaren Energien nicht erreicht werden, könnten neue AKW ab 2050 zur sicheren Versorgung beitragen.

Befürworter neuer Kernkraftwerke verweisen auf die Grundlastfähigkeit der Technologie und auf neue Reaktorkonzepte, die kompakter und modularer gebaut werden könnten. Sie sehen Atomkraft als notwendige Ergänzung zu erneuerbaren Energien, nicht als Alternative.

Flexibilität als unterschätztes Kriterium

In der Debatte um AKW-Neubau wird das Argument der Grundlastfähigkeit häufig ins Feld geführt. Ein Blick auf die Geschichte und auf die Anforderungen eines modernen Stromnetzes zeigt jedoch, dass dieses Argument überstrapaziert wird.

Atomkraftwerke sind thermisch träge: Sie brauchen Stunden bis Tage, um hoch- oder herunterzufahren, und können in der Regel gar nicht kurzfristig abgeschaltet werden. Genau deshalb wurden historisch Nachttarife eingeführt, um den Strom nachts loszuwerden, den die AKW zwangsläufig produzierten. Pumpspeicherkraftwerke wurden mitgebaut, um überschüssige Nachtenergie zu speichern, nicht weil man es wollte, sondern weil die Technologie keine andere Wahl liess.

Die Schweiz befindet sich heute bereits mitten in einem starken Ausbau der Photovoltaik. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Damit verändert sich das Anforderungsprofil an alle weiteren Grosskraftwerke grundlegend: Flexibilität muss künftig als Mindestanforderung gelten. Ein Kraftwerk, das nicht auf das schwankende Angebot aus Solar- und Windenergie reagieren kann, passt strukturell nicht mehr in ein System, das zunehmend von erneuerbaren Quellen geprägt wird. Mittags, wenn die Solarproduktion auf Hochtouren läuft, drohen Überproduktion und negative Strompreise. Abends, wenn die Sonne untergeht, muss innert kurzer Zeit Leistung verfügbar sein. Ein AKW kann diesen Anforderungen strukturell nicht gerecht werden.

Sollten trotzdem neue Grosskraftwerke wie Atomkraftwerke gebaut werden, wäre eine Sektorkopplung zwingend notwendig. Das bedeutet: Der produzierte Strom müsste in Zeiten von Überproduktion aktiv in andere Sektoren umgeleitet werden, etwa durch Power-to-Heat für Fernwärmenetze, durch Power-to-Gas für die Wasserstoffproduktion oder durch die Versorgung energieintensiver Industrieprozesse. Ohne diese Kopplung würde ein unflexibles Grosskraftwerk das bestehende Problem negativer Strompreise weiter verschärfen, anstatt zur Versorgungssicherheit beizutragen.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob eine einzelne Technologie rund um die Uhr liefern kann, sondern ob das System als Ganzes jederzeit zuverlässig und flexibel ist. Diese Systemstabilität lässt sich durch eine Kombination aus Wind-, Solar-, Wasser- und Geothermiekraft in Verbindung mit Speichertechnologien und flexiblem Verbrauch erreichen. Was dabei bleibt, ist die Herausforderung der Dunkelflaute, also mehrere Tage mit wenig Wind und wenig Sonne gleichzeitig, meist im Winter. Dieses Problem ist lösbar, durch saisonale Speicher, grenzüberschreitende Vernetzung und regelbare Backup-Kapazitäten. Ein neues AKW, das frühestens um 2050 in Betrieb ginge, löst dieses Problem weder schneller noch günstiger.

Was als nächstes kommt

Als nächstes wird der Nationalrat entscheiden. Das letzte Wort dürfte aber die Stimmberechtigten haben. Die Debatte um das AKW-Neubauverbot ist damit noch lange nicht abgeschlossen, sie verlagert sich in eine breitere demokratische Auseinandersetzung über die Schweizer Energiezukunft.

Die Warnung der Finanzkommission bleibt dabei ein zentraler Faktor: Unabhängig davon, welche Technologie man bevorzugt, sind die finanziellen Risiken eines AKW-Neubaus real, und die Frage der Finanzierung ist noch immer unbeantwortet.

Dieser Artikel gibt den Stand der parlamentarischen Beratungen vom Mai 2026 wieder. Die Debatte ist laufend.